Über die Widersprüchlichkeit von Gefühlen

“Ich bin ja schon auch sehr dankbar. Aber trotzdem nicht zufrieden.”

Diesen Satz höre ich in den letzten Monaten häufig.

Und dann kommt so was wie “jammern auf hohem Niveau”.

 

Aber eigentlich geht es um die Frage der Daseinsberechtigung von Gefühlen, die ich gleichzeitig spüre.

 

Darf das sein?

Kann das sein?

Und wie gehe ich damit um?

 

Ja, natürlich.

 

Ja, du darfst dankbar sein, dass du aktuell gesund bist und einen Job hast, der dich ausreichend gut finanziert. 

Und gleichzeitig darfst du unzufrieden sein, weil dich der Job inhaltlich nicht ausfüllt. 

Oder du dich in der Unternehmensstruktur nicht zurechtfindest.

Oder du mit deinem Vorgesetzten nicht klarkommst.

 

Aber wenn du mit Menschen darüber sprichst, wird dir gesagt, dass du undankbar seist und ja froh sein könntest, dass…

 

Was tun, in diesem Dilemma?

 

Mach dir bewusst, dass sich widersprechende Gefühle gleichzeitig vorhanden sein dürfen. 

Dass das eine Gefühl das andere nicht ausschließt.

Und dass diese Gefühle auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden.

 

Vielleicht hilft dir das folgende Gedankenmodell, deine Gefühle zuzuordnen und zuzulassen.

 

Laut Hilarion Petzold gibt die sogenannten fünf Säulen der Identität.

 

Sie beinhalten folgende Lebensaspekte:

  • Leiblichkeit (Gesundheit, Zufriedenheit mit dem Körper, körperliche Ausgeglichenheit…)
  • Soziale Beziehungen (Freunde, Familie, Partnerschaft, Sex…)
  • Arbeit / Leistung (Beruf, Hobby, Ehrenamt, Aufgaben…)
  • Materielle Sicherheit (Gehalt, Rente, Zukunftsplanung, Abgesichertheit…)
  • Werte

 

Keine der Säulen ist je zu 100% erfüllt und sie können einander auch ausgleichen bzw. beeinflussen. Zu viele wankende Säulen schaffen das Gefühl der inneren Instabilität. Das kann beispielsweise entstehen, wenn ich einen Job verliere, damit meine finanzielle Sicherheit und gleichzeitig den Kontakt zu lieben Kollegen. Dann entsteht das Gefühl, dass einem der Boden weggezogen wird. Habe ich aber im Umkehrschluss eine finanzielle Sicherheit durch eine Partnerschaft und viele Freunde außerhalb der Arbeit, kommt mein Leben nicht ganz so sehr ins Wanken.

 

Gleichzeitig wirkt sich eine Unzufriedenheit aus - Unzufriedenheit im Job kann ich in meiner Partnerschaft auslassen, ständig mit meinen Freunden besprechen, die irgendwann genervt sind und vielleicht macht es mich sogar ein bisschen krank - vom Infekt bis hin zum Magengeschwür oder schlimmeres.

 

Es kann aber auch sein, dass ich meine latente Unzufriedenheit im Job durch eine tolle Partnerschaft, viel Sport und einem Ehrenamt ausgleiche. Auch das ist denkbar.

 

Es kann also auch passieren, dass eine Unzufriedenheit in einer Säule nicht zwangsläufig durch andere Säulen ausgeglichen wird. Oder nur zeitweise.

Es ist also völlig in Ordnung, wenn du gleichzeitig dankbar für einen Job bist und dennoch gleichzeitig unzufrieden - wenn dort beispielsweise nicht deine Werte erfüllt sind, du mit den Kollegen nicht klarkommst oder das Unternehmen für etwas steht, was du innerlich ablehnst.

 

Die wichtige Frage ist nun:

  • Wie gehst du damit um?
  • Was tust du?
  • Übernimmst du Verantwortung für deine Unzufriedenheit?

 

Da liegt aus meiner Sicht der Schlüssel.

 

Machst du andere für deine Unzufriedenheit verantwortlich? Oder schiebst die Schuld auf ein System? Oder landest du in der Selbst-Kasteiung oder fühlst dich verpflichtet?

 

All das wird deine Unzufriedenheit nicht lösen.

 

Nur wenn dir bewusst wird, dass nur du etwas verändern kannst, dass Entscheidungen bei dir liegen, dass nur du die Verantwortung für dich trägst - dann kannst du verändern. Dir deiner Gefühle bewusst werden.  Zu ihnen stehen und dann handeln.

 

Schau also genau hin:

Was genau, macht dich unzufrieden?

Welchen Handlungsspielraum hast du - was kannst du verändern?

Was bräuchtest du, um dies zu verändern?

Wer kann dich dabei unterstützen?

Wann warst du schon einmal in einer schwierigen Situation, die du gemeistert hast? Wie hast du das gemacht?

 

Mach dir Gedanken dazu. Und überlege, was du wie angehen möchtest.

 

Fazit:

Es ist in Ordnung gleichzeitig dankbar UND unzufrieden zu sein.

Gleichzeitig kannst aber auch nur du an diesem Zustand etwas ändern.

 

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